© Autor Leonid Kaganov, der Originaltext auf russisch liegt hier
© Übersetzung Inna Granovskaya

R E Q U I E M

Sie ist gestorben. Ich weiss nicht wie ich darüber schreiben soll, ich kann nicht darüber schreiben. Ich versuche das Universum durch Null zu dividieren. Ich versuche mich, Moskau und diesen Herbst durch Null zu dividieren - das Gehirn gibt mir eine Fehlermeldung wie die dümmste Rechenmaschine. Sie ist gestorben. Es ist nicht möglich dies zu verstehen. Man darf nicht durch Null dividieren - ich weiss es aus der Schule, aber ich weiss nicht warum. Es scheint, dass das Ergebnis zur Unendlichkeit wird. Die Unendlichkeit geht nicht rein in den Kopf. Von früher Kindheit an versuchte ich mir die Unendlichkeit des Weltraumes vorzustellen, aber das konnte ich nicht. Mit der Zeit habe ich mich daran gewöhnt, dass es so ist. Habe einfach geglaubt, dass der Weltraum unendlich ist, weil es nichts anderes zum Glauben gab. Der Mensch kann sich immer daran gewöhnen, was er sich nicht vorstellen kann.

Sie ist gestorben. Vierundzwanzigstündiger Morsecode. Ge-stor-ben. Ge!stor!ben! Drei Gedankenstriche, drei Punkte, drei Gedankenstriche - klopfen wie SOS-Signale, sind ein bisschen stiller beim Schlafen, während der Arbeit und der persönlichen Kontakte.

Sie ist gestorben. Wir haben uns zufällig kennengelernt, obwohl wir bald entdeckt haben, dass es nicht anders sein konnte- wir spazierten schon lange durch die selben Strassen und die Freunde unserer Freunde kannten sich. Ich habe vorgeschlagen, Walkman zu hören, und reichte ihr einen Kopfhörer. Wir hörten Musik und ich schaute ihr in die Augen - ich wusste: so beginnt die Liebe. Sie schaute mir in die Augen - sie wusste das auch, wie es sich später herausstellte. Ich verliebte mich auf den ersten Blick, ich wusste, das kann nicht sein, dass es auf dieser Erde ein solches Mädchen gibt, das ist ein unwahrscheinlicher Fehler. Sie hat nicht sofort geantwortet, die Gefühle von Frauen sind langsamer, ich sollte beweisen, dass ich gerade der bin, auf den sie wartet - nicht wie die anderen, talentiert, fröhlich. Aber dann waren wir bis zum Schluss unzertrennlich. Nach allen Regeln der Logik und Ästhetik hätte ich mit ihr ums Leben kommen müssen, aber aus irgeneinem Grund bin ich am Leben geblieben.

Sie ist gestorben. Unsere Liebe war so grenzenlos und einzigartig, so beispiellos und überirdisch wie jede einzigartige Liebe. Wir spazierten durch die Straßen und unsere Finger waren ineinander verflochten. Wir küssten uns auf den Rolltreppen, die uns empörend schnell und kurz vorkamen. Wir schrieben einander im Internet, weil uns die Treffen nicht ausreichten. Wir schrieben einander Gedichte - das waren die besten Gedichte in der Welt. Wir suchten auf den Fliederzweigen die Blumen mit fünf Blättern und wünschten uns was, und die Wünsche gingen immer in Erfüllung.

Sie ist gestorben. Wir konnten uns nicht ohne den anderen vorstellen und der Abschied für eine Woche schien uns unmöglich. Ihr Herz war schwach und sie wäre wahrscheinlich vor Kummer gestorben, wenn irgendwelcher Weissager ihr vorausgesagt hätte, dass nur nach ein paar Jahren ich mit einer anderen Frau leben würde. Hätte ich selbst daran geglaubt? Aber hatte ich denn eine andere Möglichkeit? Ich weiss, sie hat mir verziehen. Ich möchte ja auch nicht, dass sie nach meinem Tod das ganze Leben alleine bleibt. Aber ich kann mir das nicht verzeihen.

Sie ist gestorben. Komisch, aber wir haben uns nie gestritten. Wie konnten wir auch streiten, wenn unser Geschmack und unsere Gewohnheiten völlig gleich waren? Wir verstanden einander auf Anhieb und amüsierten die Bekannten, wenn wir gleichzeiteg ohne uns abzusprechen die Antwort gaben. Wir hatten eigene Geheimnisse und Rituale, eigene Sprache. Natürlich nannten wir einander mit zärtlichen Tiernamen. Wir waren sehr interessante Tierchen, nicht irgendwelche Fischlein, Kätzchen oder Häschen.

Sie ist gestorben. Sie hatte wunderbares üppiges Haar fast ein Meter lang - die Friseusen kamen auf der Strasse auf sie zu und baten sie es abzuschneiden und zu verkaufen. Wenn ihr Haar verwickelt war, entwirrte ich es stundenlang, vorsichtig, um kein Härchen zu zerreissen. Diese Beschäftigung machte uns Spaß. Sie hatte modische Hosen und Hippie-Armbänder. Wir sind durch ganz Europa per anhalter gefahren. Wir tranken Absent in Prag und rauchten Marihuana in Amsterdam. Wir schliefen in unserem kleinen Zelt in einem Schlafsack am Rande der deutschen Autobahn und französischer Eisenbahngleise. Wir hörten Eulengeschrei im polnischen Eichenwald und fürchteten uns vor dem Mähdrescher auf dem österreichischen Maisfeld am frühen Morgen. Wir glaubten, dass es immer so bleibt. Der Frau, mit der ich jetzt lebe, darf man darüber nicht erzählen- sie hebt nur erstaunt die Augenbrauen: und wie habt ihr ohne Komfort gelebt? Eigentlich ist sie keine schlechte Frau, sie ist froh mit einem aussichtsreichen Journalisten zusammen zu leben, obwohl sie sich für meine Arbeit nicht interessiert. Sie liest die Mode-Zeitschriften, träumt von einem eigenen ausländischen Auto und möchte im Winter auf die Kanaren mit irgendeinem Mann, zum Beispiel mit mir, fliegen.

Sie ist gestroben. Bis zur letzten Minute wusste sie nicht, dass sie stirbt. Ich weiss nicht, wann das geschehen ist, ich weiss sogar nicht wo ihr Körper begraben ist. Ich weiss nur eines, verdammte Scheisse, die Frau mit der ich lebe, kann mir sie nie ersetzen, trotz ähnlicher Gesichtszüge und obwohl der Name, Vorname und Ausweisnummer der beiden gleich sind.

9'.09.2000, Moscow

 

 

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